- Offizieller Beitrag
Den lustigen Beitrag in der FAZ will ich euch hier verlinken und den Text komplett auch hier einfügen, denn wer weiß wie lange dieser amüsante Text online ist.
„Überhole, oder willst du dein ganzes Leben immer nur zögern?“
Von Alexander Krützfeldt 31.03.2025, 08:38 Lesezeit: 8 Min.
Unser Autor hat sich vorgenommen, Motorradfahren zu lernen. Seine Familie reagiert mit Entsetzen: Wird er es schaffen? Und dabei auch möglichst unverletzt bleiben?
Mutprobe auf der Überholspur: Motorrad-Führerschein als Vater
Motorradprüfung: „Überhole, oder willst du dein ganzes Leben immer nur zögern?“

Unser Autor hat sich vorgenommen, Motorradfahren zu lernen. Seine Familie reagiert mit Entsetzen: Wird er es schaffen? Und dabei auch möglichst unverletzt bleiben?
Als ich meiner Familie eröffne, dass ich den Motorradführerschein machen werde, ist sie fassungslos. Ob ich eigentlich wisse, wie ich Auto fahre? Ob ich beabsichtige, mich totzufahren? Auch in meinem Freundeskreis sind es überwiegend die Frauen, die Bedenken haben. Die mich ermahnen, dass man als Vater zweier Kleinkinder keinen Motorradführerschein mache, sondern das Geld lieber in Bausparverträge investieren sollte. Während die Väter, also die Freunde meiner Freundinnen, überwiegend nervös auf dem Stuhl umherrutschen und rufen: „Geil, Alter!“ Oder einfach: „Wrem, Wrem!“
Ich bin kein guter Autofahrer. Besser: In meiner Familie hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ich kein guter Autofahrer bin. Was natürlich Quatsch ist. Ich bin jetzt annähernd achtzehneinhalb Jahre unfallfrei, was man, und ich möchte nicht undankbar sein, vom Rest meiner Familie nicht behaupten kann.
Da machen die Richtigen Scherze
Neulich erst hat mir mein Stiefvater, der rechtlich gesehen nicht mein Stiefvater ist, beim Italiener in einer Lautstärke, so dass es alle hören konnten, gesagt, dass er mir nicht sein Auto leihen könne. Einen Tag später hat er den Wagen mit großem Ernst in ein Baugerüst gefahren. Mein Vater fährt auf eine Art Auto, dass man vorher diesen Warnhinweis einblenden sollte, wie vor Filmen und Computerspielen, für licht- und sprachsensitive Menschen. Aber wie das so ist: Wenn eine Sache erst einmal in der Welt ist, genießt sie Bestandsschutz.
Weil ich vor 20 Jahren zwei-, dreimal durch die Führerscheinprüfung gefallen bin, habe ich den Ruf, ein untalentierter Autofahrer zu sein, der jeden potentiell in den Tod reißt, der auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Deswegen komme ich auf die Idee, das Motorradfahren zu lernen und die Schatten meiner Vergangenheit endgültig loszuwerden. Ich beschließe, meinen alten Fahrlehrer anzurufen, bei dem ich mehrmals durch die Führerscheinprüfung gefallen bin, um ihn zu fragen, ob ich bei ihm nicht den 125er-Führerschein machen könne.
Manchmal arbeitet mein Gehirn so, denn bis zu dem Zeitpunkt, in dem ich es ausspreche, klingt das absolut logisch in meinem Kopf – unmittelbar danach kommt mir die Idee allerdings auch mindestens ungewöhnlich vor. Das Gespräch jedenfalls ist nicht sonderlich lang, mein Fahrlehrer sagt lange nichts und dann: Ob ich masochistisch veranlagt sei? Ich stammle: Nein, also, ja, also, habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Anschließend stürzt seine bauschuttartige Lache von der jahrzehntelangen Raucherei durch das Telefon ab. Dann sagt er nach einer kurzen Pause: „Samstag um neun.“
Jetzt geht es los
Wenn ich etwas im Leben erreichen will, bereite ich mich ausgiebig vor. In der Praxis sieht das so aus, dass ich schon beim Zusammenstellen meiner Unterlagen feststelle, dass ich mit meiner Idee da in etwas hineingeraten bin. Zunächst sieht das Fahrschulgebäude, das an einer viel befahrenen Straße liegt, überhaupt nicht mehr aus wie das Fahrschulgebäude, das ich in Erinnerung habe; also das, in dem man im Theorieunterricht Nackenschläge aus der hinteren Reihe bekommt. Aber ich bin ja mittlerweile auch ein anderer Mensch. Ich beabsichtige nicht, soweit das in meiner Macht steht, dass sich die Geschichte wiederholt.
Vor der Tür warten etwa zehn Personen, die sich, grob gesagt, in zwei Gruppen unterteilen lassen. Die eine Gruppe steckt die Köpfe zusammen und sagt, hoffentlich kommt die dumme Sabine nicht, aber dann kommt die Sabine doch, und alle so: „Heeeey, Sabineee!“ Die andere Gruppe steht mürrisch im Kreis und raucht, und einer sagt, im Grunde brauche er ja nur diesen Stempel, alles andere wisse er schon.
Anschließend werden wir auf unbequeme Stühle verteilt, über denen Vorfahrtsschilder angebracht sind sowie Teile eines Autos, denke ich mal. Unser Fahrlehrer, der nicht mein Fahrlehrer ist, sondern ein Fahrlehrer, der „nur Theorie“ machen darf (vielleicht ist er vorbestraft?), reibt sich vorne die Hände. Grundsätzlich sei es so mit dem Motorradfahren, sagt er, dass man ziemlich schnell tot sei; da wolle er uns keine Illusionen machen. Er habe jüngst das Motorradfahren aufgegeben, weil seine Liebe zum Motorradfahren zwar groß, seine Liebe zu seiner Frau aber noch größer sei. Der Mann in der hinteren Reihe, der nur den Stempel braucht, verschränkt seine haarigen Arme und schaut skeptisch. Da sind jetzt Emotionen im Spiel.
Sich die Risiken bewusst machen
Anschließend erklärt uns der Fahrlehrer umständlich sämtliche Arten zu sterben. Dazu gehören: Lastwagen, Laub auf der Straße, plötzlich ausscherende Landmaschinen mit Mähwerk, Kies, Sand, schlecht gewartete Motorräder, plötzlicher Wildwechsel sowie andere Verkehrsteilnehmer, die sich im Grunde ganz ähnlich verhielten. Damit, sagt er, wolle er nun auch überleiten zu dem Teil, in dem er uns erkläre, wie man das alles wirkungsvoll verhindere. Daraufhin schaltet er den Beamer ein.
Wer denn schon ein Motorrad habe, will der Fahrlehrer wissen. Zahlreiche Hände gehen in die Höhe. Ich schaue sicherheitshalber nach hinten: Ja, es sind alle. Offenbar hat niemand hier wie ich ernsthafte Zweifel, den Führerschein auch zu schaffen. Eine geschlagene Viertelstunde zählen Männer daraufhin Buchstaben und Zahlenkombinationen auf, die mir absolut nichts sagen. Als ich an der Reihe bin, sage ich: „Ich wünsche mir ein Elektromotorrad.“ Das ist offenbar ein Fehler.
„Oh Gott“, sagt einer.
„Gott“, sagt ein anderer.
„Die Gemüse-Fraktion“, sagt der, der nur den Stempel braucht, und bekommt dafür einen aufmunternden Schlag in den Nacken, aus der hintersten Reihe.
„Raucht nicht, stinkt nicht“, sagt der Fahrlehrer, „ist aber die Zukunft.“
Ich füge schnell hinzu, dass es wesentlich schneller sei als jeder Verbrenner, weil ich denke, das könnte Männer am ehesten beeindrucken. Aber der aus der hinteren Reihe sagt nur: „Aber nicht, wenn du es fährst.“ Dann lacht er und verschränkt die Arme und versichert sich mit Blicken nach hinten. Ich starte einen letzten Versuch und sage, dass es vielleicht auch umweltfreundlicher sei, niedrigerer Preis pro Wartung, und ernte daraufhin Blicke von ihm, als wäre er gerade in eine große Scherbe getreten.
